Mittwoch, 4. Februar 2015

Muhammad & Kay - eine Geschichte von Mut, Freundschaft und übermenschlicher Größe

Die Vorgeschichte dieser unglaublichen Geschichte ist leider auch eine Geschichte von Hass. Sie beginnt an einem schönen Samstag vor über vier Jahren in einem Wald unweit von Jerusalem.

Kay


Kay Wilson, begabte Pianistin, Illustratorin, langjährige Freundin meines Mannes und in Israel als Tour Guide zertifiziert, ist dort mit ihrer amerikanischen Bekannten Kristine auf dem "Israel Trail" unterwegs. Als die beiden Frauen von zwei Männern angesprochen werden, antwortet Kay automatisch auf Hebräisch. Ein fataler Fehler, denn kurz darauf werden sie angegriffen, gefesselt und schließlich brutal niedergestochen. Die harmlose Frage nach Wasser diente den Terroristen nur als Vorwand, um die Identität der Frauen zu klären, im Prozess werden sie aussagen, dass sie an jenem Tag Juden töten wollten. Weitere Gründe für die grausame Tat nennen sie nicht. Kristine stirbt noch am Tatort. Kay stellt sich tot und schleppt sich nach dem Anschlag lebensgefährlich verletzt, gefesselt und geknebelt bis zu einem Wanderparkplatz, wo eine picknickende Familie den Rettungsdienst alarmiert.

Heute sind Kays körperliche Wunden vernarbt, die Täter verurteilt, doch mit dem Trauma dieses schrecklichen Dezembertages 2010 wird sie ihr ganzes Leben ringen müssen. Das gerufene "Allahu Akbar" ihrer Attentäter und den Todeskampf ihrer sterbenden Freundin niemals vergessen.

Dennoch hegt Kay keinen Hass auf die Palästinenser. Nach wie vor pflegt sie Freundschaften auch jenseits des Grenzzauns, besucht und unterstützt Familien in der West Bank und setzt sich für Versöhnung und Frieden in unserer Region ein. Immer hoffend auf eine Annäherung von Mensch zu Mensch.

In einem Interview sagt sie unter anderem:

Ich halte fest an dem seidenen Faden Hoffnung.
Meine Hoffnung ist der arabische Chirurg,
der mein Leben gerettet hat.
Meine Hoffnung ist die arabische Gerichtsübersetzerin,
die auf mich zuging und sagte "Kay, wir sind nicht alle so."
 
Meine Hoffnung ist der arabische Taxifahrer,
der mich Woche für Woche unentgeltlich zur Traumatherapie fuhr.

Muhammad


Dreieinhalb Jahre nach dem grausamen Anschlag werden - ebenfalls in der Nähe von Jerusalem - drei jüdische Teenager entführt. Während das ganze Land um die Schüler bangt, stellt ein Junge aus Nazareth ein mutiges Video ins Netz. Muhammad Zoabi, 17, Moslem und israelischer Araber, greift darin die Entführer scharf an und fordert sie auf Arabisch, Hebräisch und Englisch dazu auf, Eyal, Gilad und Naftali sofort zurückzubringen. Er identifiziert sich selbst als stolzer Israeli, im Hintergrund hängt die blau-weiße Flagge, und schließt mit dem patriotischen Satz: "Am Israel Chai! - Das Volk Israel lebt!"

Über seine Motivation sagt Muhammad später:
Ich war wütend. Diese drei Jungs waren in meinem Alter und wollten nur von der Schule nach Hause fahren! Und ich musste einfach meine Meinung dazu sagen. Nicht um Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern um ganz besonders den Juden gegenüber zum Ausdruck zu bringen, dass nicht alle Araber gleich sind, dass nicht alle Araber die Juden vernichten wollen.

Das Video verbreitet sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer. Besonders auf jüdisch-israelischer Seite schlägt Muhammad eine Welle der Sympathie und Anerkennung entgegen. Man bewundert ihn für seinen Mut und seine Loyalität seinem Land gegenüber, doch manche sind auch besorgt. Denn nicht überall wird das Video positiv aufgenommen. In seinem persönlichen Umfeld trifft Muhammad auf Feindseligkeit, und eine Verwandte, die Knesset-Abgeordnete Haneen Zoabi, attestiert dem Teenager medienwirksam eine Identitätsstörung. Bald darauf erhält er Morddrohungen aus dem engsten Familienkreis und muss untertauchen.

Eine wunderbare Freundschaft


Als Kay über gemeinsame Bekannte davon hört, bietet sie an, Muhammad erst einmal bei sich aufzunehmen. Über Wochen versteckt sie ihn in ihrem Gästezimmer, gibt ihn als Cousin aus, obwohl es ihr auch Jahre nach dem Anschlag noch schwer fällt, Arabisch zu hören. Zwischen dem ungleichen Paar entwickelt sich eine besondere Freundschaft. Kay sagt, Muhammad ist wie ein kleiner Bruder für sie geworden, auch zu seiner Mutter hält sie engen Kontakt. Für Muhammad ist Kay ein Vorbild, eine Heldin dafür, dass sie sich weigert zu hassen, trotz allem, was sie durchgemacht hat.

Als klar wird, dass Muhammad in absehbarer Zukunft nicht nach Hause zurückkehren kann, mobilisiert Kay ihre Kontakte im Ausland und setzt alle Hebel in Bewegung, um ihm eine sichere Perspektive zu ermöglichen. Schweren Herzens verlässt Muhammad schließlich seine Mutter und seine Heimat und fliegt in die USA. Dort bleibt er fast ein halbes Jahr, bevor er sich entscheidet, nach Israel zurückzukehren. 

Wenn man den reifen jungen Mann mit den ausgezeichneten Englischkenntnissen in Interviews erlebt, fällt es schwer zu glauben, dass er erst 17 ist. Ein Teenager, der sich nach Hause zu seiner Mutter sehnt, einer Mutter, die ihn, wie er betont, von klein auf dazu erzogen hat, für seine Meinung und seine Rechte einzustehen.



Kay & Muhammad




// Diesen Artikel reiche ich bei der Blogparade "Blogs gegen Hass" ein, den Sarah Marias angelehnt an die Aktion "Youtuber gegen Hass" veranstaltet. //




Weiterlesen?

Kurzbeitrag über Kay und Muhammad von I24 News (Englisch)

Reportage im israelischen Fernsehen (Hebräisch)

The Arab Teenager. The Zionist Activist. The Human Being / Interview vom 4.2.2015 (English)

Kay erinnert sich an den Terroranschlag (Englisch)


Kay interpretiert ihr Lieblingslied "Somewhere over the Rainbow" am Piano


Morde an Neta Sorek und Kristine Luken (Englisch)




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Kommentare:

  1. Berührend! Danke für diesen mutmachenden Artikel.
    Viele liebe Grüße aus dem verschneiten Deutschland, Dörthe

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    1. Danke für diesen Kommentar, er bedeutet mir viel :)

      LG!

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  2. Bewundernswert, danke für deinen tollen Artikel! Liebe Grüße von Rana

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    1. danke für deinen lieben besuch und den freundlichen kommentar. liebe grüße in die heimat! :)

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  3. Hi zu dir. <3

    Ich muss gestehen, dass ich bis heute von beiden nie zuvor gehört habe und finde es spannend, aber auch bestürzend, darüber zu lesen. Ich habe mir alle deine Links angesehen und noch weiter zu dem Thema gegoogelt. Und umso weiter ich gegoogelt habe, umso mehr ich gelesen habe, umso mehr wurde mir klar, wie wenig ich doch eigentlich weiß. Ich könnte noch Stunden weiterlesen: Zu dem Attentat, zu der mutmaßlichen Entführung der drei israelischen Jungen, den Mord an ihnen - und dem darauf folgenden Mord an einem palästinensischen Jungen. Es kommt mir alles, wie Stein um Stein vor. Auf eine Reaktion, folgt eine Reaktion, folgt eine Reaktion.

    Ich habe mir auch die anderen Videos von Muhammad angesehen, seinen Mut sich für die Freilassung der Geiseln einzusetzen. Aber auch seine Forderung, dass ausnahmslos alle in Israel zum Militär gehen sollten und auch sein glühendes Bekenntnis zum Zionismus. Ich habe auch über den verbalen öffentlichen Schlagabtausch zwischen seiner entfernten Verwandten und Knesset-Mitglied Hanin Zoabi gelesen: Bei dem sich, meines Erachtens, beide nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben. Und auch, dass es diese fürchterlichen Morddrohungen gegen Muhammad seitens seiner Verwandten, aber auch von Fremden gab. Aber eben nicht nur, sondern eben auch „normale“ Distanzierungen angesichts einiger seiner doch recht radikalen Positionen.

    Will sagen: Ich habe nicht nur Stimmen des Friedens gelesen? In einem Artikel habe ich z.B. das hier gefunden: "On a day trip to Tel Aviv, the two drove by a left-wing “Peace Now” demonstration. Zoabi promptly pulled out an Israel flag and confronted the protesters, shouting at them, “You don’t understand what’s really happening!”"
    http://www.timesofisrael.com/terror-victim-hid-arab-zionist-teen-during-gaza-war/

    Ich bin, ehrlich gesagt, nun ein wenig verunsichert. Ich finde deinen Artikel wirklich spannend und ich weiß, dass die Thematik so unfassbar kompliziert ist, dass sie kaum mit einem einzigen Blogartikel erfasst werden kann, allerdings hat sich bei mir ein wenig das Gefühl eingeschlichen, dass beide zwar in jedem Fall Menschen sind, die vor Terror geschützt werden müssen (!), ihr Schicksal hat mich wirklich bestürzt, jedoch nicht unbedingt Vertreter einer gemäßigten Friedenspolitik sind.

    Deswegen würde mich an dieser Stelle interessieren, wie du das siehst? Wie du die Situation wahrnimmst? Denn alles das, was ich auf meinem Streifzug durch Google gelesen habe, kann ich ehrlich gesagt nur sehr schwer in einen Kontext einordnen. Zumal ich nicht einmal bewerten kann, was das für Zeitungen und Websites sind, die ich gefunden habe.

    Wie gesagt, ich freue mich sehr über deinen Beitrag zu meiner Blogparade!
    Liebe Grüße zu dir. <3

    Sarah Maria

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    1. Liebe Sarah Maria,

      danke für deinen ausführlichen Kommentar, vor dem ich allerdings etwas ratlos stehe, weil ich nicht sicher bin, ob ich richtig verstehe, warum du verunsichert bist. Findest du, dass man, wenn man für Frieden ist, nicht trotzdem ab und an richtig wütend werden darf, wenn man beobachten muss, wie Terror und Hass friedliche Lösungen wieder und wieder torpedieren? Ich kann nur für mich sprechen, aber ich werde oft richtig wütend über all die Schrecklichkeiten dieser Welt und das, obwohl ich meine rebellischen Teeniejahre längst hinter mir habe. Gerade aktuell macht es mich regelrecht aggressiv, aus meiner relativen Sicherheit heraus zu beobachten, wie der islamistische Wahnsinn in unserer Region wütet und man scheinbar nichts dagegen tun kann.

      Ich finde es schwierig, zu beurteilen, was genau unter einer "gemäßigten Friedenspolitik" zu verstehen ist und habe oft den Eindruck, dass man sich in Europa darunter etwas anderes vorstellt, als hier, weil man hier einfach mit einer völlig anderen Realität konfrontiert ist. Das liegt möglicherweise daran, dass es schwierig ist, sich vorzustellen, wie es sich in einer Konfliktregion lebt, wenn man selbst in Frieden und Sicherheit aufgewachsen ist.

      Ich bin aber der Meinung, dass es ein wertvolles Gut ist, dass wir in Israel in einer Demokratie leben und dass dort jeder Bürger seine Meinung äußern und vertreten dürfen muss, ohne dafür Morddrohungen und öffentliche Anfeindungen durch Parlamentsabgeordnete zu bekommen. Nichts anderes tut Muhammad, der in diesem Land aufgewachsen ist und die Realitäten natürlich durch seinen eigenen Hintergrund gefärbt wahrnimmt und vertritt.

      Ebenso hat Kay durch ihre persönliche Geschichte einen anderen Blick auf die Realität als ich, die ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen kann, was sie durchgemacht haben muss. Umso mehr bewundere ich, dass sie eben nicht einem pauschalen Araberhass verfällt, sondern ganz klar sagt, dass sie immer gegen Terroristen und ihre Drahtzieher Stellung beziehen wird, aber gleichzeitig auch eine Stimme für all die Palästinenser sein möchte, die unter dem Status Quo leiden und sich nichts mehr wünschen, als eine bessere, friedlichere Zukunft.

      Hm... Eigentlich wollte ich keinen politischen Beitrag abliefern, sondern die besondere Beziehung der beiden, vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen und die Hoffnung, die ich darin sehe, zum Ausdruck bringen. Ist das trotzdem irgendwie rübergekommen?

      Liebe Grüße zurück,
      Hadassa

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    2. Danke dir für deine Antwort. :)

      Doch natürlich verstehe ich das - und irgendwie wohl auch nicht. Denn es ist genau, wie du schreibst: Es ist verdammt schwer sich vorzustellen, wie es ist mitten in einer Krisenregion aufzuwachsen bzw. zu leben.

      Ich habe vor drei oder vier Jahren hier in Bremen mal einen Vortrag von einem Professor der Uni Tel Aviv gehört: Er hat über die Entwicklung von Traumata in israelischen Familien seit dem II. Weltkrieg bis heute (auch in Bezug auf den Terror) gesprochen. Das fand ich damals sehr eindrucksvoll. Und ich möchte mir auch gar nicht anmaßen zu beurteilen, wie jemand mit einer solch‘ schrecklichen Gewalterfahrung umzugehen hat. Ich möchte nicht beurteilen, wie es ist umgeben von Ländern zu sein, die z.T. als offen erklärtes Ziel die Vernichtung haben. Es tut mir Leid, wenn das irgendwie so bei dir angekommen sein sollte.

      Ich meinte es wohl eher als Verunsicherung darüber, was ich beim Googeln alles gefunden habe: Dass die Berichterstattung da z.T. völlig anders gefärbt ist – je nachdem, wo man gerade liest. Dinge werden jeweils anders interpretiert und auch betont. Das ist in Europa wohl kaum anders, aber irgendwie fällt es mir hier leichter die Dinge einzuordnen: Wie etwas gemeint ist, was ein bestimmter Wink, eine Aussage bedeutet. Ich habe vorhin fast zwei Stunden diverse Artikel und Videos gelesen und geschaut – und hatte das Gefühl, mit jeder neuen Information noch weniger anfangen zu können, als zuvor. Noch mehr festzustellen, dass ich eigentlich kaum etwas weiß.

      Es ist schwierig, wenn man die unterschiedlichen Zeitungen/ Websites nicht grob zuordnen kann: Bei deutschen Zeitungen habe ich ja z.B. eine Idee davon, wie die Unterschiede in der Berichterstattung zwischen dem Spiegel, der Bildzeitung oder dem Handelsblatt sind. Kann zudem auch seriöse Nachrichten von z.B. Russia TV oder ähnlichem Blödsinn unterscheiden. Habe auch eine grobe Idee, was es bedeutet, wenn eine politische Partei dies oder jenes zu einem Ereignis sagt. Kann mir einfach besser ein Gesamt-Bild machen. Da hat es mich einfach verunsichert, dass ich immer mal wieder darüber gelesen habe, dass einige Äußerungen als doch recht radikal gewertet wurden.

      Ich habe ehrlich gesagt keine genaue Idee, was ich genau mit „gemäßigte Friedenspolitik“ meine. Höchstens eine sehr grobe, diffuse. Einige Schlagwörter, wie z.B. die Siedlungspolitik oder auch Zionismus im Sinne einer geopolitischen Expansion (?) tauchen da in meinem Kopf auf. Die mich, um ehrlich zu sein, in ihrer Radikalität erschrecken.

      Ich kann verstehen, dass du kein politisches Statement abgeben wolltest, dass du über diese Geschichte schreiben wolltest. Das ist auch zu 100% angekommen. <3 Aber irgendwie haben mich die Sachen einfach zu sehr interessiert – auch die unterschiedlichen politischen Bewertungen: So dass ich immer weiter gelesen habe. Und nun von einigen Dingen nicht genau weiß, wie ich sie für mich sortieren soll.

      Ich hoffe du verzeihst mir meine Unwissenheit – und legst sie nicht als Angriff aus. Denn so meinte ich das ganz und gar nicht. ;) Es ist Interesse, gepaart mit Verunsicherung/ Unwissenheit – und auch der Drang Dinge zu verstehen, um sie einordnen zu können. Ich will dich nicht überfahren. Aber ich möchte halt auch die Chance nutzen, Dinge mal zu fragen, die ich nicht verstehe. Da gab es bisher nicht wirklich viele Menschen, die ich dort bei dir vor Ort kennengelernt habe. Sorry, wenn ich da etwas brechstangenmäßig direkt war.

      Liebe Grüße zu dir! <3
      Sarah Maria

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    3. Nein, nicht als Angriff :)

      ich finde es nur manchmal nicht ganz einfach gerade bei Diskussionen im Internet festzulegen, wie weit ich ausholen muss, bzw. was ich an Hintergrundinformation voraussetzen kann und was nicht. Allein das Schlagwort "Zionismus", das ich heute zunehmend als negativ wahrnehme, auch in der ausgewogeneren Berichterstattung, wird ja in anti-israelischen Kreisen gerne als Wurzel allen Übels im Nahen Osten herangezogen. Das greift aber viel zu kurz, denn die ursprüngliche Idee des Zionismis ist wesentlich älter als unser Staat und hatte ursprünglich nur zum Ziel, irgendeine dauerhafte Lösung für das jüdische Volk, im Sinne von einer Heimat, in der sie selbstbestimmt leben können, zu finden.

      In der heutigen politischen und gesellschaftlichen Diskussion in Israel würde ich Zionismus eher als ein anderes Wort für Patriotismus verstehen, und mich nicht daran aufhängen, dass Muhammad sich so bezeichnet. Ich kann natürlich nicht für ihn sprechen, würde aber zunächst mal vermuten, dass er sich als Patriot seinem Staat gegenüber versteht.

      Klar, dass ein arabischer Junge sich als Zionist bezeichnet, ist sehr ungewöhnlich, ist aber meiner Meinung nach nicht mit beispielsweise einer kompromisslosen Einstellung zur Siedlungspolitik gleichzusetzen. Aber es gibt für israelische Araber schon einige Gründe froh darüber zu sein, dass sie in Israel leben und nicht etwa in Saudi-Arabien. In Israel herrscht nämlich tatsächlich Gleichberechtigung, unsere arabischen Mitbürger können werden, was sie wollen, heiraten wen sie wollen und ihre Meinung äußern, wann immer sie wollen. Sie könnten viel mehr für sich bewegen, wenn sie konsequent zur Wahl gehen und ihr Mitbestimmungsrecht mehr wahrnehmen würden. Seufz.

      Ich finde zu diesem Thema die Artikel von Ahmed Mansour übrigens auch sehr klug und informativ.

      Liebe Grüße,
      Hadassa

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    4. Nachtrag: die Medien sind ja immer mit viel Vorsicht zu genießen, gerade was Israel/Palästina betrifft. In diesem Fall fand ich aber, dass ich recht fundiert schreiben kann, da ich Kay seit Jahren kenne.

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    5. Danke dir für deine Einschätzung. :) Du hast wirklich Recht: Ich rede hier über Kontexte und auch Dinge/ Wörter (z.B. Zionismus), die für mich irgendwie gefühlt (!) radikal gefärbt sind, über die ich eine bestimmte Vorstellung/ Konnotation habe. - Die ich aber genau genommen alle nicht wirklich einordnen kann.

      Das Wort Zionismus, zusammen mit so einem glühenden Bekenntnis zu einem Staat und insbesondere zum Militär wirkt auf mich tatsächlich befremdlich radikal. Das stelle ich nach wie vor fest, wenn ich die Videos sehe. Ich verbinde damit etwas unüberlegt Übertriebenes - im weitesten Sinne. Die Rhetorik und Sprache wirkt auf mich irgendwie eng kompromisslos. Fast schon aggressiv.

      Ich habe darüber, über unsere Diskussion, wirklich lange nachgedacht, und denke bzw. vermute, dass es vielleicht so ist: Dass klare, fast schon bedingungslose Positionen zu bestimmen Staaten bzw. Ideen mir vielleicht deswegen befremdlich vorkommen, weil ich sie mit unreflektierter Radikalität verbinde: Mit der Gefahr sich in nationalen Gewaltfantasien zu verlieren. Sie deswegen irgendwie für gefährlich halte.

      Das ist hier in Europa ja vielleicht/ bestimmt auch so. Aber dort bei dir, in der einzigen Demokratie weit und breit, ist das sicherlich etwas anderes: Vielmehr ein Bekenntnis dazu, weiterhin und trotz allem an dieser Staatsform festzuhalten.

      Hier in der Sicherheit des Friedens sind diffuse Ansichten, das Schwanken an sich, das Für und Wider ja fast so etwas wie eine Tugend. <-- Mal überspitzt formuliert. Quasi ein Gütesiegel dafür, dass man alles miteinbezieht, nachdenkt, sich dauernd dem Korrektiv stellt.

      In einer Gesellschaft mit Luxusproblemen, die sich ernsthaft darüber in die Köppe bekommt, ob der Veggie-Day eine gute Idee ist – oder eine bodenlos bevormundende Frechheit; in so einer Gesellschaft, sind klare Positionen (ohne für und wider) eine Art der Egomanie – oder werden zumindest oft so interpretiert.

      Ich will sagen: Die Befremdlichkeit, die mir klare, kompromisslose Positionen einjagen und die nachdrückliche Rhetorik, die damit einhergeht, ist etwas, das ich wirklich nicht kenne, das mir aus irgendeinem Grund wirklich Angst macht. Und ich komme mir grad tatsächlich ein wenig blöd vor, irgendwie von meinen eigenen Umständen aufgehetzt.

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    6. P.S.: Der Hinweis auf Ahmed Mansour ist wirklich toll! Danke dafür. <3

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    7. Das freut mich :)

      Falls Verwirrung entstanden sein sollte: Ich meinte den Ahmad Mansour, der in Israel aufgewachsen ist und heute in Deutschland als Journalist arbeitet, hier eine Auswahl seiner Artikel:

      Ahmad Mansour

      --

      Zum Patriotismus: Ich kann dich da sehr gut verstehen und glaube, dass das auch sehr viel damit zu tun hat, dass man in Deutschland seit dem Holocaust ganz besonders vorsichtig mit der Äußerung von "nationalen Gefühlen" jeglicher Art umgeht. Das von klein auf geschärfte Bewusstsein und das Verantwortungsgefühl, fanatischen Nationalismus nie wieder in Deutschland geschehen zu lassen, hat meine Kindheit und Jugend ebenfalls sehr geprägt. Allerdings glaube ich, dass man durch die Geschichte in Deutschland ein bisschen in das andere Extrem gekommen ist (die Debatte, ob man als Deutscher patriotisch sein "darf" oder nicht, kommt ja auch immer mal wieder hoch), denn ich nehme ein starkes Nationalbewusstsein durchaus noch in einigen anderen Demokratien außer Israel wahr. Ganz vorne dabei sind natürlich die USA, aber auch einige unserer Nachbarländer - Frankreich, die Schweiz....

      Dennoch war es für mich in den ersten Jahren in Israel auch sehr "neu", wie sehr man hier den Staat und die eigene Zugehörigkeit feiert, das blau-weiße Flaggenmeer zum Unabhängigkeitstag ist schon überwältigend und - für mich damals - fremd. Ich finde, man muss aber auch sehen, dass hierzulande dieses "ich bin stolz, Israeli zu sein" auch noch mal eine ganz andere Bedeutung hat. Zum einen gibt es unter der älteren Generation noch immer Menschen, die an der Staatsgründung aktiv mitgewirkt haben, beziehungsweise die Erde der ersten Kibbutzim mit eigenen Händen bearbeitet haben. Zum anderen ist Israel ein Einwanderungsland, in das zu immigrieren, Jahr für Jahr weltweit Juden bewusst entscheiden. Und auf eine solche Entscheidung kann und darf man meiner Meinung nach stolz sein, wenn man bedenkt, dass viele dafür einen weitaus höheren Lebensstandard aufgeben, um in einem so konfliktträchtigen Gebiet zu leben, weil sie eine persönliche Verpflichtung diesem Staat gegenüber fühlen.

      Zur Armee will ich gar nicht weit ausholen und nur bemerken, dass sie leider in dieser Form nach wie vor notwendig ist, um die Existenz dieses Staates zu sichern. Wenn man sich allein die ersten Kriege nach der Staatsgründung ansieht, stellt man fest, dass es Israel ohne Militär heute nicht mehr geben würde. Die Verbundenheit der Armee gegenüber ist in Israel eine "Familienangelegenheit", denn dadurch, dass es eine allgemein verbindliche Wehrpflicht für Frauen und Männer in Israel gibt, ist das Militär kein abstraktes Organ, mit dem man als "Normalbürger" kaum in Kontakt kommt. Fast jede Familie in Israel hat Angehörige im aktiven Dienst, der Reserve oder Kinder, die demnächst einberufen werden, die meisten müssen über die Jahrzehnte Gefallene beklagen, das verbindet.

      Aber auch da gilt: Mir war das total fremd, als ich frisch angekommen war und ich musste mich daran gewöhnen.

      Mir hat unser Austausch übrigens gefallen :)

      Und ich glaube, ich werde mir mal wieder vornehmen, ab und an Hintergründe und meine persönlichen Gedanken zu israelspezifischen "Schlagworten" in Blogform zu packen.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
      Hadassa

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    8. Entschuldige bitte meine späte Antwort. :)

      Mir hat unser Austausch ebenfalls sehr gefallen und ich habe sehr viel daraus mitgenommen, noch viel nachgedacht und diverse Texte gelesen. Allein dafür möchte ich dir danken! Und natürlich für deine ausführlichen Antworten. Ich freue mich wirklich dich und dein Blog in den Weiten des Internets gefunden zu haben.

      Liebe Grüße zu dir, <3
      Sarah

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  4. Was für Schicksale! Ich werde jetzt mal deinen Links folgen. Lieben Dank dafür!
    Herzliche Grüße
    ANdrea

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    1. Ich habe gerade noch ein aktuelleres Interview mit Muhammad gefunden und den Link ausgetauscht, weil es mir interessanter erscheint, hier ist der neue Link:

      Muhammad Zoabi. The Arab Teenager. The Zionist Activist. The Human Being

      Da sagt er übrigens, dass er sich in erster Linie als "Human Being" sieht und hofft, dass es irgendwann Weltfrieden geben wird :)

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  5. Die Begegnung der beiden ist wirklich berührend. Auch so die kleinen Zwischensätze. Dass es ihr schwer fällt, arabisch zu hören. Trotzdem hört sie zu. Dass er Israeli ist. Nicht alles ist schwarz und weiß. Gerade an solchen Geschichten merkt man, wie bunt der Frieden sein könnte. Er sei ein Mensch, stellt er trocken fest. ja, wenn wir alle dort ankommen, wo ein 17jähriger Teenager ist, dann ..ja,dann....

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    1. dann, ja, dann.... ich hoffe ja sehr, dass wir ihn in ein paar jahren in der politik oder vergleichbaren schlüsselpositionen sehen. die arabische parteienlandschaft hier könnte ein paar kluge, charismatische köpfe dringend gebrauchen. aber zu den wahlen wollte ich eh noch irgendwann ein paar sätze schreiben. das ist auch alles so ein frustrierendes elend.

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  6. Schöner und toller Post

    Liebste Grüße zu dir :-)

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