Mittwoch, 14. Dezember 2016

Zwischen Traditionen - Zwischentraditionen

Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit darf ich als Zaungast beobachten, wie meine Freunde weltweit instapretty und facebook-witty ihre diversen Traditionen ausleben: Lebkuchen ab September, Adventskalender, Adventskranz, Wichteln, Plätzchen backen, Weihnachtskarten scrappen, Tannenbaum kaufen, Lichterketten entwirren, zu viele Dominosteine essen, etc. - während in meiner jüdisch-israelischen Alltagswelt Weihnachten auch im Jahre 2016 einfach nicht existiert. 

Um den Stress beneide ich allerdings keinen meiner Freunde in den Weihnachtsländern, im Gegenteil, mich packt das kalte Grausen, wenn ich mir vorstelle, dass ich im ohnehin stressigsten Monat des Jahres in meiner Freizeit auch noch den Vorweihnachtsstress jonglieren müsste, so wie es Millionen berufstätiger Mütter weltweit heldenhaft tun. Bittersweet ist der Advent für mich also, denn einerseits vermisse ich das flauschige Gefühl der Vorfreude auf Weihnachten, das ich von früher kenne, andererseits bin ich total froh, diesen Zirkus nicht mitmachen zu müssen. Genauso wie ich jedes Jahr vor Pessach froh bin, dass ich nicht das ganze Haus von oben bis unten putzen und auf Krümel untersuchen muss, weil ich diese Tradition für mich nicht als bindend ansehe. (Matzen esse ich aber trotzdem gern.)


Weihnachtsbaum in Haifa

Ich habe es also ziemlich gut, denn ich kann mir für meine Familie die Rosinen aus dem Traditionenkuchen picken. Möglicherweise beschere ich dem Mädchen damit einen kleinen Identitätssalat (ich bin aber zuversichtlich, dass sie das packen wird) und wirklich koscher ist das natürlich auch nicht, aber letztlich ist es nun mal eben so, dass wir eine interkulturelle Familie mit unterschiedlicher traditioneller Prägung sind. Sowieso sind der Gatte und ich in der Hinsicht ziemliche Stoffel: Wir brauchen beide für unsere eigene Spiritualität keine religiösen Rituale oder Traditionen, es ist uns eher lästig, eine Laubhütte zu bauen nur weil das alle zu Sukkot machen und es würde mir nicht einfallen, einen Weihnachtsbaum aufzustellen, nur "weil Mama das aus Deutschland so gewohnt ist". Andererseits finde ich es nett, manche Traditionen aufzugreifen und damit auch einigermaßen konsequent zu sein, damit sich so etwas wie eine Familientradition entwickeln kann. Daher bemühen wir uns, uns freitags beim Abendessen auf die Besonderheit des Shabbats zu besinnen und den traditonellen Tischsegen zu sprechen. An Purim investiere ich natürlich Zeit und Kreativität in ein Kostüm für das Mädchen, wir backen Hamanohren und schenken auch meistens welche davon her. Den Sederabend an Pessach feiern wir im Familienkreis, lesen die Haggadah und achten darauf, bei diesem Essen nichts gesäuertes auf den Tisch zu bringen. Am Unabhängigkeitstag wird gegrillt, Shavuot backe ich eigentlich immer einen Käsekuchen und zu Rosh HaShana tobe ich mich kulinarisch am Apfel-Granatapfel-Honig-Thema aus. Unsere Laubhütte ist meist ein Provisorium, da sollten wir vielleicht noch ein bisschen üben, denn dem Mädchen ist es in den letzten Jahren sehr wichtig geworden, dass wir eine haben, weil alle eine haben, auch wenn wir sie dann nicht wirklich nutzen. Im Advent backen wir stur mindestens einmal Plätzchen, Vanillekipferl meistens und Ausstecher, wenn ich dafür genug Nerven habe, hören zusammen "Ritter Rost feiert Weihnachten" oder lesen eine weihnachtliche Geschichte. (Ich knipse Weihnachtsliederplaylists auf YouTube an, wenn sonst keiner hinhört). Seit einigen Jahren treffen wir uns am 24. Dezember gerne mit Freunden zu einem leckeren Essen und besuchen einen Weihnachtsgottesdienst in Jerusalem. Meist fällt die Chanukkahwoche ja auch in den Advent, das wird das allabendliche Kerzenanzünden, das wir alle lieben, einfach mit integriert. Adventskalender gibt es dieses Jahr zum ersten Mal nicht, das ist uns irgendwie durchgerutscht und wirklich vermisst wird er nicht. (Vielleicht von mir, ein bisschen.)  Hocherfreut habe ich neulich "Tatsächlich Liebe" auf Netflix entdeckt und zu Weihnachten bekommt das Mädchen die DVD von "Der kleine Lord". Wenn wir dann noch irgendwo "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" auftreiben, können wir künftig einen richtig gediegenen Weihnachtsfilmeabend in unsere Familientradition aufnehmen. 


Vanillekipferl

Klingt das jetzt sehr meschugge? Sagt mal..

Kommentare:

  1. Das klingt überhaupt nicht meschugge, sondern für mich nach der richtigen Mischung aus Traditionen und entstresstem Familienleben. Gerade mit Kind ist es vermutlich nicht ganz einfach da den richtigen Weg zu finden, um dem Mädchen all die schönen Erinnerungen mitzugeben, die mit bestimmten saisonverbundenen "Ritualen" verhaftet sein können, und trotzdem nur die Elemente mitzutragen, mit denen man sich identifizieren kann. :)

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    1. Danke Winterkatze, es fühlt sich für uns auch "richtig" an, aber es ist halt trotzdem so ein durch die Traditionen navigieren, das jedes Jahr ein wenig verfeinert wird :)

      Viele Grüße und danke für deinen Besuch,
      Hadassa

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  2. Tradierte Rituale, hinter denen man stehen kann, weitertragen, neue, mit denen man sich gerne identifiziert ins Muster einweben. Was alles nur hohle Fassade ist, bekommt ein Kind eh über kurz oder lang mit. Ich finde das sehr interessant und gut, wie ihr das löst. (Aus Vermont bekomme ich ja ähnliches mit.)
    Über das Gucken von "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" musste ich grinsen. Ich lese so oft in Blogs darüber - ich habe ihn noch nie gesehen (Da wird auch nichts mehr draus, denn wir haben keinen Fernseher). Aber "Der kleine Lord" würde auch sofort Erinnerungen wecken.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Der Gatte hat gestern die "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" auf YouTube entdeckt!! In voller Länge und erstklassiger Qualität für einen Film von 1973, also nichts wie hin:  klick

      "Hohle Fassade" würde ich aber auch mit gutem Willen nicht hinkriegen, ich bin leider ein offenes Buch, wenn mir etwas zuwider läuft :)

      Viele Grüße - ich habe gerade deine Himmelsbilder bewundert - so toll!,
      Hadassa

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  3. Salut, Hadassa.
    "Tradition wohnt die Lebendigkeit ihrer Ehrlichkeit inne, solange sie nicht in Fesseln & an Ketten liegt."
    (Myrelle Minotier)
    Deiner Tochter wird der Identitätssalat eher nützen, denke ich mir. Schließlich ist der Austausch, seit den Jahrtausenden der Kultur(en), treibender Stimulus menschlicher Entwicklung. Nirgendwo liegt Stagnation näher als in Kreisen, die sich hermetisch abschotten um im eigenen Saft zu liegen zu kommen. Keine Kultur wäre je fertig vom Baum gefallen; & sie wird auch nie "fertig" sein können.
    Vermutlich bereiten mir Reinheitsapostel deswegen Zahnempfindlichkeiten... ��

    Zu den "traditionellen Neuheiten" kann man/frau inzwischen wohl das Dezember-Kino um 'A long time ago in a galaxy far far away' zählen.

    bonte

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    1. Huhu,
      vor lauter Dezemberstress hätte ich bald die Premiere von diesem Kinohighlight verpasst, wenn du mich nicht erinnert hättest! Der Gatte will jetzt irgendwie versuchen, den Kinobesuch noch irgendwie in die kommende Woche zu quetschen, das wäre schon genial, wenn das klappen würde :)

      Das Zitat gefällt mir auch - wo ist das her?

      VG,
      Hadassa

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    2. ...war bereits heute wieder in 'Rogue One'; passend mit Join-the-Resistance-Shirt & Rebel-Alliance-Signet am Mantelrevert. Morgen wäre dann die Originalfassung an der Reihe.

      Noch aus der Zeit als ich Filmrezis schrieb, ist "Myrelle Minotier" ein Pseudonym, das ich für "Zitate" vorschob. In Kommentare schreibe ich noch heute solche Sätze - obiger kam mir spontan bei der Lektüre Deiner Sätze in den Sinn.
      Sorry, ein etwas umständlicher Weg die eigenen Gedanken in Worte zu kleiden... :-)

      "Kein Gedanke entsteht, ohne Reaktion auf den Puls eines Lebens."
      (Florance Ippdit)

      bonté

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  4. Ein schöner Bericht und er klingt überhaupt nicht meschugge.
    Mir sind Traditionen wichtig, aber ich versuche mich nicht durch sie instrumentalisieren zu lassen. In der Weihnachtszeit ist es schwieriger dies durchzuhalten, doch machbar. Was durch die Medien an perfekt suggeriert wird macht Stress: Friede, Freude, große Geschenke, glitzernder Weihnachtsbaum, perfekt gedeckter Tisch, Essen perfekt und vom Feinsten, glückliche Kinder, selbst die Schwiegermutter ist zufrieden mit den Kochkünsten der Schwiegertochter, die perfekt gestylt ist,... HALLO? Da hat jemand Weihnachten nicht verstanden.
    Mit meinen Kindern habe ich in der Adventszeit den Adventskranz gebunden und gestaltet, Geschenke hergestellt, gebacken, Zeit verbracht. Gemeinsam mit den Nachbarskindern wurde unser Weihnachtsbaum geschmückt und abends gingen meine zwei zu ihnen Chanukka feiern. Irgendwann wollte keiner mehr einen Weihnachtsbaum und es entwickelte sich daraus ein fixer Wir-backen-Kekse-für-Weihnachten-Termin mit ganz viel Zucker, Zimt und einem guten gemeinsamen Essen oder einem Spieleabend im Anschluss, um Advent gemeinsam zu erleben. Wir nehmen uns in der Vorweihnachtszeit bewusst Zeit füreinander, denn an den Weihnachtstagen sind meine Kinder und ich selten zusammen. Trotzdem fühlen wir uns nach der Adventszeit nah und sind uns einig: Die Materialschlacht überlassen wir anderen.
    viele Grüße,
    KArin

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    1. Liebe Karin, das klingt wunderschön, wie ihr bei euch eure Traditionen lebt - ich finde, genau so sollte es wirklich sein: Schöne Rituale, mit denen sich alle identifizieren können und die ein gutes Gefühl hinterlassen. Kein Zwang, kein Theater, weil alle es machen, einfach authentische Familientradition, die sich "richtig" anfühlt.

      Danke, dass du diesen Einblick mit mir geteilt hast,
      Hadassa

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